Diese Gegend, die bis zum 17. Jh. nur
eine einsame Bucht des Bosporus war, ist sehr wahrscheinlich
der Ankerplatz des sagenhaften Schiffes der Argonauten,
die bei ihrer Suche nach dem Goldenen Vlies hier ankerten.
Sultan Mehmet der Eroberer ließ während der Belagerung Istanbuls
seine Schiffe hier an Land ziehen.
Auch die osmanische Flotte hatte hier
ihren Ankerplatz, und die erwähnte Bucht, die das Aussehen
eines natürlichen Hafens hatte, wurde auf diese Weise zu
einem Ort, an dem mit der Seefahrt verbundene Zeremonien
und Feierlichkeiten abgehalten wurden. Aber seit dem 17.
Jh. füllte sich die Bucht von Zeit zu Zeit mit Sand an;
auf diese Weise für die Seefahrt nicht mehr nutzbar, wurde
der Ort unter dem Namen Dolmabahce in einen Lustgarten für
die Sultane umgewandelt.
Dolmabahce, das im Laufe der Zeit von
mehreren Sultanen mit Pavillons und zusätzlichen Schlößchen
ausgestattet wurde, wuchs so zu einem stattlichen Schloßkomplex
heran, der auch unter dem Namen Besiktas-Uferpalast bekannt
war.
Dieser Besiktas-Uferpalast wurde in der
Zeit Abdülmecids II. (1839-1861) mit der Begründung, daß
er aus Holz und damit untauglich für die Benutzung sei,
im Jahre 1843 abgerissen. Am gleichen Ort wurden die Fundamente
für den bis heute erhaltenen Dolmabahce-Palast gelegt.
Das im Jahre 1856 fertiggestellte Anwesen
mißt zusammen mit seinen Umfassungsmauern mehr als 110.000
m2. An das Hauptgebäude sind 16 kleine Nebengebäude angegliedert,
die verschiedenen Zwecken dienten, darunter u.a. Pferdeställe,
Mühlen, Apotheken, Küchen, Speiseräume, Gießerei, Konditorei,
Glasbläserwerkstatt. Zur Zeit Sultan Abdülhamits II. (1876-1909)
wurden diesen Bauten ein Uhrturm, Räumlichkeiten für den
Kronprinzen und im hinteren Garten verschiedene Pavillons
hinzugefügt.
Die
Hauptgebäude des Palastes, deren Errichtung von den in ihrer
Zeit berühmten osmanischen Architekten Karabet und Nikogos
Balyan ausgeführt wurde, setzen sich aus den Empfangsräumen
für Männer (Mabeyn-i Hümâyûn), dem Zeremoniensaal und den
Räumen für Frauen (Harem-i Hümâyûn) zusammen. Die Empfangsräume
für Männer waren den Arbeiten der Staatsverwaltung vorbehalten,
und die Räume der Frauen dienten dem Privatleben des Sultans
und seiner Familie. Der Zeremoniensaal diente der Abhaltung
von wichtigen Staatsfeiern und Gratulations- sowie Empfangszeremonien,
bei denen der Sultan mit den Würdenträgern des Staates zusammentraf.
Der gesamte Bau ist dreistöckig, einschließlich
des Kellers. Dieser Palast, der in seiner Form, seinen Einzelheiten
und in seiner Dekoration unübersehbare westliche Einflüsse
aufweist, ist ein Ergebnis der Interpretationen dieser westlichen
Einflüsse durch osmanische Baumeister. Auf der anderen Seite
weisen die Einrichtung des Baus und auch die Anordnung der
einzelnen Zimmer untereinander den Grundriß eines traditionellen
türkischen Hauses auf, der hier nur in sehr großem Maßstabe
umgesetzt wurde. Die Außenmauern sind aus Stein und die
Innenmauern aus Brennziegeln gefertigt; die gesamte Inneneinrichtung
ist dagegen aus Holz. Dem für moderne Technologie offenen
Palast wurden in den Jahren 1910-1912 Leitungen für elektrischen
Strom und ein Zentralheizungssystem hinzugefügt. Eine Wohnfläche
von 45.000 m2 verteilt sich auf 285 Zimmer, 46 Säle, 6 Bäder
und 68 Waschräume. Auf dem meisterhaft und sehr sorgfältig
gearbeiteten Parkett erstrecken sich 4454 m2 Teppich, die
zuerst in der Königlichen Teppichweberei, später in den
Fabriken von Hereke hergestellt wurden.
Die den Männern vorbehaltenen Räume, in
denen der Sultan seine Staatsangelegenheiten abwickelte,
stellen die wichtigsten Räumlichkeiten des Dolmabahce-Palastes
vor. Der Empfangssaal im Eingang, die diesen mit dem oberen
Stockwerk verbindende Kristalltreppe, der Botschaftersaal,
in dem die ausländischen Botschafter empfangen und bewirtet
wurden, und das Rote Zimmer, in dem der Sultan empfing,
waren prachtvoll dekoriert und ausgestattet und brachten
auf diese Weise die historisch gewachsene Pracht des Reiches
zur Geltung. Der im oberen Stockwerk gelegene Saal stellte
eine Art Übergangszimmer dar, das es dem Sultan erlaubte,
ungestört Zugang zu seinen Privatgemächern zu haben. Diese
Privatgemächer umfaßten ein prächtig ausgestattetes Bad,
dessen Marmor eigens für den Sultan aus Ägypten herbeigeschafft
wurde, ein Arbeitszimmer und weitere Empfangsräume.
Der zwischen der Männer- und Frauenabteilung
gelegene Empfangssaal stellt den höchstgelegenen und prächtigsten
Teil des Dolmabahce-Palastes vor. Mit seiner mehr als 2000
m2 umfassenden Fläche, seinen 56 Säulen, seiner 36 m hohen
Kuppel und dem von dieser Kuppel herabhängenden englischen
Kronleuchter, dessen Gewicht ca. 4.5 t beträgt, hebt sich
dieser Saal deutlich von den anderen Räumen des Palastes
ab. Der Saal wird mit warmer Luft beheizt, die aus dem Keller
durch die Fundamente der Säulen nach oben geleitet wird.
Auf diese Weise konnten in der kalten Jahreszeit stattfindende
Zeremonien in angenehmer Umgebung abgehalten werden. An
den Tagen, an denen Empfänge aus Anlaß eines moslemischen
Festes stattfanden, wurde der goldene Thron aus dem Topkapi-Palast
hier aufgestellt; von diesem Thron aus nahm der Sultan die
Glückwünsche der Oberen des Reiches entgegen. Auf den Galerien
nahmen Mitarbeiter von ausländischen Botschaften, die Mitglieder
des Palast-Orchesters und weitere Gäste Platz.
Der Dolmabahce-Palast wurde unter westlichem
Einfluß in Nachahmung europäischer Schlösser erbaut. Trotzdem
ist er hinsichtlich seiner Funktionalität und der Ausstattung
seiner Innenräume türkischen Vorbildern verhaftet, wenn
auch die Trennung in Männer- und Frauenabteilungen nicht
mehr so streng wie früher erfolgte. Aber die Frauenabteilung
ist hier nicht wie im Topkapi-Palast ein eigenständiges
Gebäude oder eine getrennt errichtete Abfolge von Räumen,
sondern es handelt sich um Privatgemächer, die unter dem
gleichen Dach innerhalb desselben Baus zur Nutzung bereitgestellt
wurden.
Die Frauenabteilung, die etwa 2/3 des
Dolmabahce-Palastes ausmacht, ist mit Hilfe von Korridoren
zugänglich, die durch Eisen- und Holztüren zu verschließen
sind. Diese Vorrichtungen betonen die traditionelle Abtrennung
der Frauen- von der Männerabteilung. Die Säle im Harem,
die auf den Bosporus hinausschauen, schließen sich an Räume
an, die von den Sultanen, ihren Frauen und den weiblichen
Bediensteten genutzt wurden. Außerdem sind hier noch die
Schlafräume der Prinzen und Sultane, Arbeits- und Aufenthaltsräume
untergebracht. Die Privatgemächer der Sultansmutter, der
Blaue und der Rosafarbene Saal, die von Abdülmecid, Abdülaziz
und Resat genutzten Räume, die Abteilung für weibliche Bedienstete
sowie deren Aufseherinnen, das Arbeits- und Schlafzimmer
Atatürks, unzählige Wert- und Kunstgegenstände wie Teppiche,
Bilder, Vasen, Kronleuchter und Gemälde stellen die interessantesten
und beeindruckendsten Gegenstände dar, die im Harem des
Dolmabahce-Palastes zu bewundern sind.
Alle Einheiten des Dolmabahce-Palastes
sind restauriert und für Besucher zugänglich gemacht worden.
In zwei Ausstellungssälen sind die Wertgegenstände des Palastes
zu bewundern, in anderen Räumen sind Beispiele aus der Yildiz-Porzellansammlung
vorgestellt, und aus der Gemäldesammlung der Staatlichen
Schlösser entlehnte Bilder bieten sich in der "Kunstgalerie"
meistens für längere Zeit dem Auge des Besuchers dar. Im
unterhalb dieser Galerie gelegenen Stockwerk ist eine Dauerausstellung
zu besichtigen, die verschiedene Objekte und bauliche Ausschmückungen
des Palastes sowie Vogelminiaturen zeigt. Auf diesem Stockwerk
finden sich die in der Männerabteilung gelegene Bibliothek
des Abdülmecit, die zusammen mit dem erwähnten historischen
Korridor meistens für Austellungszwecke genutzt wird.
In der gleich im Eingang des Palastes
gelegenen früheren Mobiliarwerkstatt ist heute das Kultur-
und Informationszentrum untergebracht, das Informationen
über die in den Staatlichen Schlössern ablaufenden wissenschaftlichen
Arbeiten vermittelt. Ebenso ist eine Bibliothek eingerichtet
worden, die vor allem im 19 Jh. verfaßte Werke enthält und
zur wissenschaftlichen Nutzung bereitsteht.
Den Besuchern zugängliche Cafes und Geschäfte
wurden im Uhrenturm, in der Mobiliarwerkstatt, in den Speiseräumen,
im Harem sowie Privatgemächern des Kronprinzen eingerichtet.
Hier werden neben vom Kultur- und Informationszentrum herausgegebenen
Büchern und Postkarten, die Informationen über das genannte
Bauwerk vermitteln, auch Reproduktionen aus der Gemäldesammlung
der Staatlichen Schlösser zum Verkauf angeboten. Der Empfangssaal
und die Gärten dagegen werden für Staatsempfänge genutzt.
Mit Hilfe dieser neuen Anordnungen ist der Palast in der
Lage, sich als Museum zu präsentieren, in dem Kunst und
Kultur ungehinderte Ausprägung erfahren können.
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