Die
schöne Landschaft des Bosporus, an der das Kücüksu-Schlößchen
gelegen ist, war bereits seit byzantinischer Zeit als Siedlungsort
bekannt. Kücüksu und seiner Umgebung, das in osmanischer
Zeit großes Interesse erfuhr und unter dem Namen "Lampengarten"
als Lustgarten des Sultans genutzt wurde, war seit der Zeit
Murat IV. (1623-1640), der diese Gegend sehr liebte, auch
der Beiname "Silberzypresse" verliehen worden.
Seit dem 17. Jh. wurde diese Gegend in
verschiedenen Quellen als "Himmelsfluß-Garten"
bezeichnet, und besonders seit dem 18. Jh. ist eine rege
Zunahme der Bautätigkeit an diesem Ort zu bemerken. Zur
Zeit Sultan Mahmuts I. (1730-1754) ließ sein Großsekretär
Mehmet Pasa für seinen Herrscher in diesem Lustgarten ein
auf den Bosporus blickendes, zweistöckiges Schlößchen aus
Holz errichten, das nach verschiedenen Restaurationen auch
noch in der Periode Selims III. (1789-1807) und Mahmuts
II. (1808-1839) genutzt wurde.
In
der Herrschaftsperiode Sultan Abdülmecits (1839-1861) wurden
besonders in der Schloßbau- und Pavillonarchitektur ihren
Ursprung im Westen habende Formen bevorzugt. Die von Abdülmecit
im Dolmabahce-Palast und in den Ihlamur-Schlößchen eingeführten
Neuerungen erfuhren auch im Kücüksu-Schlößchen ihre eigene
Ausprägung. Der alte Holzbau wurde abgerissen und an seiner
Stelle das heute noch vorhandene Schlößchen errichtet.
Der Architekt des im Jahre 1857 fertiggestellten
Kücüksu-Schlößchens ist Nikigos Balyan. Der Schloßbau ist
zweistöckig mit einem Kellergeschoß und wurde auf einer
Fläche von 15 x 27 m2 in Kielklotz-Bauweise aus Backsteinen
errichtet. Das Kellergeschoß umfaßt Speicher, Küche und
Wohnräume für die Bediensteten; die anderen beiden Stockwerke
umfassen jeweils vier Eckzimmer, die auf einen gemeinsamen
Mittelhof hinausgehen. Dieser Bauplan entspricht dem eines
traditionellen türkischen Hauses.
Der
Bau ist vor allem als Erholungsort und Herberge beim Jagdaufenthalt
gedacht und kann darum auch als "Pferdeschlößchen"
bezeichnet werden. Im Gegensatz zu anderen staatlichen Schlössern
ist dieses hier nicht von einer hohen Umfassungsmauer umgeben,
sondern von gegossenen Eisengittern, die an jeder der vier
Himmelsrichtungen eine Tür aufweisen. In der Herrschaftsperiode
von Abdülaziz (1861-1876) erfuhren auch die außen am Bauwerk
angebrachten Dekorationen eine Aufbesserung, und bis zum
heutigen Tage wurden verschiedentlich Restaurationen durchgeführt.
Jedoch wurden die aus der Frühzeit dieses Baus stammenden
Nebengebäude, die unterschiedlichen Zwecken dienten, inzwschen
abgerissen.
Die zum Bosporus zeigende Seite des Bauwerks
mit ihren Reliefverzierungen zeigt, ebenso wie der kleine
überdachte Waschbrunnen, der sich an diese Gebäudefront
anlehnt, in gleicher Weise wie die Treppen verschiedene
westlich beeinflußte Dekorationsmotive auf. Die Einrichtung
der Zimmer und der Säle zeigt wertvolle Kunstgegenstände;
mit der Ausführung dieser Arbeiten wurde der Bühnenbildner
der Wiener Oper, Sechan, beauftragt.
Die
mit Stuck verzierten und mit Meißelarbeiten gesschmückten
Decken, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Farben und
Formen an ein Kaminmuseum erinnernden, aus wertvollem italienischem
Marmor hergestellten Kamine, das in jedem Zimmer andersartig
und dennoch immer meisterhaft verlegte Parkett, das in verschiedenen
europäischen Stilen gehaltene Mobiliar, Teppiche und Gemälde
verleihen dem Kücüksu-Schlößchen das Aussehen eines einzigartigen
Kunstmuseums. In der Periode der Republik wurde dieser Bau
zeitweilig als Staatsgästehaus benutzt; heutzutage ist er
als Palastmuseum konzipiert.
1994 wurden am Kücüksu-Schlößchen umfassende
Restaurationsarbeiten vorgenommen, infolge dessen es jetzt
für Besucher offensteht. Durch seine gleich daneben gelegene
Bootsanlegestelle, den Brunnenplatz und seinen gepflegten
Garten dient es wie früher als Erholungsort und Sommerfrische.
Für die Zukunft ist geplant, den Garten dieses Bauwerks
ebenso wie die Garten anderer Schlösser und Pavillons für
Empfänge zu nutzen.
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