KAMEL-RINGWETTKÄMPFE  
 

Es wird berichtet, daß die in der Türkei eine Tradition vorstellenden Kamel-Ringwettkämpfe das erste Mal vor etwa 200 Jahren im zum Distrikt Incirliova der Provinz Aydin gehörenden Dorf Hidirbeyli veranstaltet wurden. Aber in seinem "Interessante Begebenheiten in der Geschichte Westanatoliens" betitelten Buch schreibt A. Münis Armagan im Kapitel "Das Ende der Kamele", daß erst z.Z. der Herrschaftsperiode von Mahmut II. in Tire und Umgebung Kamelwettkämpfe abgehalten worden sind.

Neben der Tatsache, daß der Beginn dieser Kamelwettkämpfe nicht genau festzustellen ist, läßt sich vermuten, daß diese Art von Sport seit der Zeit der Ausbreitung von Handelskarawanen und des Nomadentums gepflegt wurde. Nach Auskünften von Kamel- und Ringkampfliebhabern haben Nomaden früher zwischen ihren Weideplätzen in den Ebenen und auch die Händler unter sich zum Zwecke des Wettkampfes ihre Kamele miteinander ringen lassen.

Die Abhaltung dieser Art von Kamelwettkämpfen, die heutzutage vorwiegend in der Provinz Aydin geschieht, kann aber auch in einigen Provinzen, Distrikten und kleineren Siedlungsgebieten des ägäischen Raumes (Izmir, Manisa, Mugla, Denizli), ferner in der Marmara-Region (Balikesir und Canakkale), in der Mittelmeer-Region (Burdur, Isparta und Antalya) sowie in einigen anderen Provinzen beobachtet werden.

Zweifellos sind bei Kamelwettkämpfen spezifische traditionelle Regeln einzuhalten, jedoch zeigen sich in jeder Region gewisse Unterschiede. Kamelwettkämpfe benötigen nicht wie andere Sportarten ein eigens dafür bereitgestelltes Sportfeld oder eine Arena, auch sitzen die Zuschauer nicht auf Bänken oder Rängen. Kamelwettkämpfe werden vor allem von Vereinen, die zu erzieherischen, kulturellen, gesundheitlichen, sportlichen oder sozialen Zwecken tätig sind, mit dem Ziel des Gelderwerbs durchgeführt. In einigen Gegenden beteiligen sich auch die Stadtverwaltungen an der Ausrichtung solcher Wettkämpfe; sie bezwecken damit, die Wettkämpfe diszipliniert abzuhalten und ihre Organisation einer bestimmten Ordnung zu unterwerfen.

Die im Anschluß an die Veranstaltung solcher Wettkämpfe eingesammelten Gelder werden nach Abzug der Unkosten im Hinblick auf die dafür bestimmten Zwecke gebraucht. Bei diesen Kamelwettkämpfen können jedoch keine gemeinsamen Wetten abgeschlossen werden.

An Kamelwettkämpfen nehmen männliche Kamele, denen man den Namen "Tülü" gegeben hat und die aus der Vereinigung eines einhöckerigen weiblichen Kamels mit der Bezeichnung "yoz" mit einem zweihöckerigen männlichen Kamel namens "buhur" hervorgehen, teil. Nur diese Kamele sind Ringkampf-Tiere. Die Abstammung dieser Ringkampf-Kamele läßt sich ebenfalls auf frühere, im Ringkampf eingesetzte Generationen zurückführen.

Ringkampf-Tiere werden auf besondere Weise sehr sorgfältig aufgezogen und für den Wettkampf vorbereitet.

Die Wettkämpfe werden z.Z. der Brunft der Tiere, d.h. in den Wintermonaten von Dezember bis März, durchgeführt.

Jedes Wettkampf-Tier hört auf einen Namen. Manchmal wird dieser Name schon vorher von den Besitzern der Kamele dem Tier gegeben, bisweilen aber übernehmen die Zuschauer aufgrund einer im Wettkampf gemachten Bewegung oder des tänzelnden Verhaltens des Tieres diese Namensgebung. Bisweilen sind die Tiere auch nach den Helden von Fernsehserien benannt, z.B. Colombo, dozer, Sahintepesi, Gezer, Sarizeybek, Yörükali, Deutscher, Ceylan, Felek, Ali Tülü, Talanci, Karka Kartali, Suat, Zümrüt, Menderes, Firat, Takmakol (einarmig), Chauffeur, Civan, Karamurat, Yarimdünya (die halbe Welt) u.ä.

Der Name des Kamels wird auf ein geschmücktes Tuch, Pes genannt, geschrieben, das hinter dem mit dem Wort Havut bezeichneten Sattel aufgelegt wird. Unter diese Namen muß unbedingt die Kalligraphie für den Ausdruck "Gottes Wille geschehe" hinzugefügt werden.

Einen Tag vor Abhaltung der Wettkämpfe werden die Kamele auf traditionelle Art und Weise geschmückt. Zur Begleitung von Trommel und Flöte werden sie in einem Zug durch die Stadt geführt; dabei wird keine Straße oder Gasse ausgelassen. Dies ist ein sehr sehenswertes Schauspiel. Sollten Sie zur erwähnten Zeit einmal in die im Süden und Westen der Türkei gelegenen Städte kommen, dann können Sie auf der einen Seite die Musik von Trommel und Flöte vernehmen, auf der anderen Seite die Töne der Glocken und Schellen, mit denen die Kamele geschmückt sind, hören. Die Kamele sind in ihrem geschmückten Zustand schön anzusehen, und man wird des Schauens nicht müde. Die Stadt ist zu einem Festplatz geworden. Vor den Cafes staut sich die Menge, denn die Kamelbegeisterten sind hier anzutreffen und führen hitzige Gespräche über die später miteinander ringenden Tiere. Diese Kamelliebhaber erregen gleich die Aufmerksamkeit durch ihre besondere Kleidung, die nur an diesem Tage getragen wird. Zwecks besserer Vorbereitung werden auch die Videoaufnahmen früherer Wettkämpfe noch einmal angeschaut.

Am gleichen Abend veranstalten die Besitzer der Kamele eine "Teppichnacht", zu der auch Gäste und Freunde eingeladen sind. Dieser Abend dient dem näheren Kennenlernen; es wird getrunken, gegessen, Volkslieder der betreffenden Gegend werden angestimmt und Volkstänze aufgeführt, die Gäste werden unterhalten, und auf dem Wege des Bietens werden Teppiche verkauft. Jedesmal vor den Wettkämpfen wird ein solcher Abend veranstaltet.

In jedem Haus wird speziell für diesen Abend Essen zubereitet, und jedermann ist in freudiger Erwartungshaltung.

Tag des Kamelringkampfes

Bereits in den frühen Morgenstunden strömen die Zuschauer in Scharen auf den Wettkampfplatz. Manche reservieren sich ihren Platz direkt an der Wettkampfzone, andere wiederum sitzen mit ihren Familien etwas weiter entfernt vom eigentlichen Ringkampfplatz. Bereits zu dieser Zeit fängt das Fleisch auf den Grillgeräten an, vor sich hinzugaren. Etwa zwischen 9.00-10.00 Uhr ist der gesamte Platz von Menschen übersät, die des kommenden Wettkampfes harren. Außerhalb des eigentlichen Wettkampfplatzes haben sich fliegende Händler postiert, die Speisen, Getränke und Geschenkartikel unterschiedlichster Art zum Verkauf feilbieten. Gleichzeitig ertönen Flöte und Trommel, und viele bewgen sich zu den Klängen dieser Musik und zeigen die Kunst des Volkstanzes.

In der Zwischenzeit wird über Lautsprecher der Beginn der Wettkämpfe angesagt, und es werden die Namen der teilnehmenden Kamele bekanntgegeben. Nun verlagert sich die bis jetzt außerhalb des eigentlichen Ringkampfplatzes spürbar gewesene Bewegung auf das Feld der Aktivitäten selbst. Die Besitzer der Kamele betreten gemeinsam mit ihren Tieren die Kampfarena, wobei die Kamele zuerst eine "Ehrenrunde" laufen und im Anschluß daran mit dem eigentlichen Ringkampf begonnen wird. Kamel-Ringwettkämpfe beginnen im allgemeinen zwischen 9.00-10.00 Uhr.

Über Mikrofon ist die Stimme des Ansagers zu hören, der die Namen der Kamele bekannt gibt. Der Ansager spricht lobende Worte über die Kamele aus und trägt so durch seinen ihm eigenen Stil und die von ihm dahergesagten Reimgedichte zur Unverwechselbarkeit der einzelnen Ringkämpfe bei. Auch hier ist der Ansager wie schon bei den Ringwettkämpfen für Männer die schillerndste und bedeutendste Persönlichkeit. Er versucht, diese Ringwettkämpfe wie ein Sportberichterstatter im Fernsehen interessant zu gestalten.

Bei diesen Wettkämpfen sind Ordnungskommittees, ein Schiedsgericht (Oberrichter, Mittelrichter und Tischrichter), eine genügende Anzahl von Seilern, mit dem Zubinden des Mauls der Kamele beauftragte Personen sowie dafür vorgesehene Kontrolleure mit ihren jeweiligen Aufgaben betraut.

Kamel-Ringwettkämpfe unterteilen sich in vier Kategorien : Kampf mit dem Fuß, dem Körper, dem Hals und dem Kopf. Der Sieger wird durch 1 - Wegdrängen, 2 - Brüllen, 3 - Niederwerfen ermittelt.

Bei der ersten Methode versucht das Kamel, sein Gegenüber mit Hilfe seiner Packtasche abzudrängen. Bei der zweiten Methode wird der Gegner angebunden und fängt in dem Moment, in dem er die Kraftanstrengungen des Gegenübers nicht mehr ertragen kann, zu brüllen an. Bei der dritten Variante schließlich gelingt es dem Kamel, sein Gegenüber niederzuwerfen unnd sich über ihm zu postieren. Aber noch eine weitere Form der Siegerermittlung ist möglich : bei dieser zieht der Besitzer des Kamels sein Tier aus dem Wettkampf zurück, um dessen Kräfte nicht unnötig zu verbrauchen, und wirft das zum Festhalten des Kamels dienende Seil in die Mitte, was einer Aufgabe gleichkommt. Das andere Kamel wird nun zum Sieger erklärt. Kamele, die weder siegen noch unterliegen, können ein Unentschieden verzeichnen.

Einige der Namen der tänzelnden Bewegungen, die die Kamele während des Wettkampfes vollführen, sind im Nachfolgenden aufgeführt : bag (Band), cengel (Haken), catal (Gabel), makas (Schere), kol atmasi (Hochwerfen des Arms), musat cengel (Schlagring), tam bag (ganzes Band), yarim bag (halbes Band), düz cengel (einfacher Haken), tekci (Treter), kol kaldirma (Aufheben des Arms), etc.

Um die Spannung bei den Wettkämpfen noch zu erhöhen, wird besonderer Wert darauf gelegt, unterschiedliche tänzelnde Bewegungen ausführende Kamele gegeneinander antreten zu lassen. Jedes Kamel ringt mit den seiner eigenen Gruppe. Kamele, die mit der rechten körperseite ringen, heißen rechtsseitig, die mit der linken Körperseite ringen, linksseitig, solche, die die Füße ihrer Gegner mit ihren eigenen Füßen umklammern, heißen Hakenwerfer, solche, die die Köpfe ihrer Gegner unter die eigene Brust zwingen, werden Binder genannt, und solche, die ihren Gegner durch Wegdrängen zu besiegen und zu diesem Zweck ihm die Füße mit dem Kopf wegzuziehen versuchen , heißen Treter.

Das aus dem Wettkampf als Sieger hervorgehende Kamel wird auf seine vier Beine gestellt und präsentiert sich den Zuschauern, indem es sich stolz in die Brust wirft. Als Preis nimmt sein Besitzer die Kameldecke in Empfang, und das Tier verläßt den Kampfplatz. Besiegte Kamele dagegen zeigen sich oftmals beschämt und still.

Jedes Kamel nimmt nur einmal am Tag am Wettkampf, der etwa 10-15 Minuten dauert, teil. Diese Regeln wurden erlassen, um ein Abnehmen der Art dieser Ringkampf-Kamele, ihre übermäßige Belastung und Ermüdung zu verhindern sowie diese Tierart zu schützen und zu bewahren.

Die Wettkämpfe werden immer in disziplinierter Weise und in traditioneller Form ausgetragen. Nach Beendigung des Wettkampfes kehren die als Sieger hervorgegangenen Kamele zusammen mit ihren Besitzern und Tierpflegern (sarvan genannt) in freudiger Stimmung, die Zuschauer dagegen mit dem Gefühl, einen schönen Tag verbracht und einem guten sowie fairen Wettkampf beigewohnt zu haben, in bester Laune nach Hause zurück.

Diese Art von Kamelwettkämpfen, die in der ägäischen Region im allgemeinen im Winter abgehalten werden, sind inzwischen in den Rang eines Winter-Festivals erhoben worden.

Kamelwettkämpfe
deve.mpg (5.6 Mb)

 

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