Werke der osmanischen Periode  
 

Osmanische Schilde :

Die meisten der bis zum heutigen Tage in gutem Zustand erhaltenen Schilde sind entweder osmanischen Ursprungs oder wurden nach dem Vorbilde osmanischer Schilde hergestellt.

Deshalb müssen diese Schilde gesondert betrachtet und als eigenständige “Gruppe historischer Werke” interpretiert werden. Diesbezügliches Arbeiten in Archiven sollte eigentlich die Aufgabe türkischer Wissenschaftler sein. Die besonders von deutschen, englischen, amerikanischen und türkischen Wissenschaftlern seit langer Zeit im Detail untersuchten Abbildungen von Miniaturen können dabei sehr hilfreich sein. Aber im Vergleich zu iranischen Miniaturen sind die Abbildungen von Schilden auf osmanischen Miniaturen nicht sehr zahlreich. Osmanische Schilde wurden oft unter Zuhilfenahme von ungarischen Vorbildern gefertigt. Auf einigen Miniaturen sind Schilde in rechteckiger Form zu sehen, deren oberer Teil diagonal geformt und deren Mittelteil nach außen gewölbt ist.

Auf anderen Miniaturen wie z.B. der um 1555 im Topkapi-Palast angefertigten Miniatur, die die spätere, in die Reiseschilderungen aufgenommene Abbildung der Belagerung von Rhodos im Jahre 1552 durch Sultan Süleyman darstellt, sind mit Schilden ausgerüstete Janitscharen zu sehen. Diese mit Schilden versehenen Janitscharen tauchen auch auf den Miniaturen auf, die am Ende des 16. Jhs. von der Bagdader Miniatur-Schule hergestellt wurden und die Thronbesteigung des mongolischen Eroberers Hülägü zeigen.

Wie die Abbildungen in weiteren Werken verdeutlichen, läßt sich aus Material und Verzierung der Schilde der Rang ihrer Benutzer deutlich ablesen. Nur Sultane, Vezire, Armeeführer, in den Rang erhobene Offiziere und Staatsbeamte waren im Besitz von Schilden, die aus den besten Materialien in schönster Form und mit vielen Verzierungen hergestellt waren. Die Art der Verzierung auf der Oberfläche des Schildes kann auch als Hinweis auf eine bestimmte Gruppen- oder Klassenzugehörigkeit verstanden werden.

Die meisten der osmanischen Schilde in europäischen Sammlungen sind bei der Belagerung Wiens im Jahre 1683 und bei einigen darauffolgenden Feldzügen erbeutet worden. Solch ein Schild war immer ein begehrtes Beutestück, das besonders sorgfältig aufbewahrt wurde. Außerhalb der türkischen und besonders der Istanbuler Museen finden sich Schilde in vielen Museumssammlungen in Wien, Dresden, Karlsruhe, Venedig, Budapest, Krakau, Warschau, in Poznan und in Moskau. Auch Privatsammlungen sind im Besitz von Schilden, über die bis heute nichts veröffentlicht wurde. Die Zahl der noch erhaltenen Schilde wird auf einige hundert geschätzt.

Die bereits registrierten Schilde können in drei Gruppen eingeteilt werden: Die erste Gruppe umfaßt nur Schilde ohne Dekoration, die zu rein militärischen Zwecken Verwendung fanden. Die zweite Gruppe umfaßt solche Schilde, die bei Kämpfen oder auch bei Zeremonien verwendet wurden und entweder schmucklose oder auch verzierte Mittel- sowie Metallteile, Nietköpfe und Metallplättchen aufweisen. Die dritte Gruppe schließlich umfaßt solche Schilde, die aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung ausschließlich bei Zeremonien Verwendung fanden und mit besticktem Stoff überzogen, versilbert oder vergoldet und mit Edelsteinen verziert waren.

Ausschließlich der im Kampf als Abwehrwaffe Verwendung findende Schild bestand aus einem Holzstück, um das 16-20 Reihen mit Seilhanf umwickelten Schilfrohrs oder Weidenzweiges befestigt wurden und in dessen Mitte ein großes Metallstück angebracht war. Die Innenoberfläche dieser Schilde war mit Stoff oder Leder überzogen; zum Festhalten diente ein mit Metallstiftnieten angebrachter Griff aus Lederstriemen. Von dieser Gruppe befinden sich im Dresdener Historischen Waffenmuseum und im Baden-Museum in Karlsruhe mehrere Stücke, die sehr wahrscheinlich bei der Belagerung Wiens im Jahre 1683 erbeutet und von Ernst Petrasch in detaillierter Form beschrieben wurden.

Beispiele aus der verzierte Schilde umfassenden zweiten Gruppe sind im Vergleich zu den obigen noch zahlreicher auf uns gekommen. Diese stellten nicht nur begehrte Beutestücke dar, sondern wurden gleichzeitig als wertvolle Geschenke und Handelsgüter betrachtet. Ein farbiger Schild war in der Regel das wichtigste Stück der Waffensammlung eines Palastes, eines Schlößchens oder sogar eines Pavillons im Besitz des osmanischen Adels. Seit dem 19. Jh. sind diese Schilde in vermehrter Anzahl auch in Museumsausstellungen zu betrachten. In der Mitte dieser verzierten, etwa 60 cm Durchmesser betragenden Schilde ist ein rundes, etwa 20 cm messendes Mittelteil aus Lindenholz angebracht. Etwa 40 Reihen Schilfgeflecht umgeben dieses Mittelteil. Die hier Verwendung findende Schilfart ist sehr biegsam und widerstandsfähig und dabei noch dünner als die, die bei der vorigen Gruppe der Schilde zur Herstellung benutzt wurde. Das Schilfgeflecht wurde mit farbigen Seidenfäden dicht und fest umwickelt, wobei dadurch der osmanischen Kunst so eigene  geometrische Formen und Verzierungen wie Zypressen, Blütenäste, Arabesken, chinesische Wolkenbänder und auf Inschriften zu findende Dekorationsmuster entstanden. Die Hauptfarbe war rot; farbliche Akzente wurden jedoch unter Verwendung von blau, grün und gelb gesetzt. Gelegentlich sind die Schilde auch mit kurzen Inschriften wie “Allah”, “Mohammed”, “Ali” oder Versen aus dem Koran geschmückt.

Der vieldiskutierte Schild des Topkapi-Palastmuseums ist auf seiner Oberfläche zur Gänze mit Nelken- und Tulpenmotiven versehen. Sein metallener Mittelteil ist dagegen unverziert. Jedoch weisen die meisten der dieser Gruppe angehörenden Schilde ein verziertes Mittelteil auf, das entweder ein aus Metall geschnittenes osmanisches Lilienmotiv oder eine mit Edelsteinen verzierte Silberplatte darstellt. Der im königlichen Wawel-Schloß zu Krakau befindliche Schild ist auf seiner Oberfläche mit Schilfblättern und in seiner Mitte mit in Niello-Technik gefertigten, spiralförmig angeordneten Rosettenmotiven geschmückt. Diese spiralförmig angeordneten Rosettenmotive, die sich aus dem Kunstschaffen des Iran und aus künstlerischen Einflüssen der Frühzeit herleiten, sowie das sehr leicht zu fertigende wellenförmige Motiv chinesischer Wolkenbänder kommt auf osmanischen Schilden sehr häufig vor.

Im Czartoryski-Museum in Krakau finden sich zwei unvergleichliche Schilde, die dieser Gruppe angehören. Einer dieser Schilde gehörte dem berühmten polnischen Staatsmann Stefan Czarniecki (gest. 1665) (Abb. 1). Auf der Oberfläche des mit einem geschnitzten Mittelteil versehenen und mit Silber beschlagenen Schildes ist ein fünfzackiges Sternenmotiv angeordnet. Der zweite Schild wurde von Hetman Mikolaj Hieronim Sieniawski während der Belagerung von Wien erbeutet. Auf der Oberfläche des Schilfgeflechts dieses Schildes findet sich eine x-förmige Verzierung in Form eines Pflanzenmotivs, die sich auf dem in Niello-Technik angefertigten silbernen Mittelteil einige Male wiederholt (Abb. 3). Auf einem im türkischen Feldzug von 1685 erbeuteten roten Schild, der sich bis vor kurzem in der Sammlung des Grafen von Giech im Schloß Thurnau befand, ist eine sehr selten anzutreffende Verzierung zu sehen: Der obere Teil des Schildes zeigt zwei Flammensymbole, während den unteren Teil eine Kartusche in arabischer Schrift ziert. Im polnischen Armeemuseum in Warschau ist ein weiterer, aus roten, blauen und grünen Stoffäden gearbeiteter Schild  zu sehen, auf dessen silberbeschlagenem Mittelteil Türkise sowie drei Halbmonde um ein Rosettenmotiv angeordnet sind. Diese Motive stellen die Widerspiegelung eines geheimnisvollen menschlichen Antlitzes dar und stellen ein seltenes Beispiel für die Bestrebung des osmanischen Kunstschaffens vor, diesen Motiven die Form eines Menschen zu geben. Auf der Oberfläche dieses Schildes finden sich weitere sechs runde Motive, die dem o.e. ähneln (Abb. 5).

Ein weiterer Schild in der Sammlung des polnischen Armeemuseums in Warschau, der durch eine Leder- und eine Kupferumhüllung beim Transport geschützt wurde, stellt ein sehr seltenes Stück dar (Abb. 7). Hier läßt sich vermuten, daß für alle osmanischen Schilde und besonders die der dritten Gruppe zugehörigen eine ähnliche Umhüllung vorgesehen war.

Die dritte Gruppe setzt sich aus den Schilden zusammen, die mit Edelsteinen besetzt sind. Auch sie wurden aus Schilfgeflecht angefertigt und sind entweder zur Gänze mit einem Stoff aus Goldfäden und Stickereien oder mit einer Metallplatte versehen, deren Silberbeschlagung mit Edelsteinen besetzt ist. Das Mittelstück dieser Schilde ist stets bearbeitet, es ist aber kleiner als das Mittelstück der entsprechenden Schilde der ersten und zweiten Gruppe. Die Mitte ziert ein Edelstein, ein Türkis oder ein anderer Halbedelstein wie Almandin. Dieser Gruppe zugerechnete Schilde gleichen dem o.e., im Grab von König Sigismund III. gefundenen sowie den Schilden iranischer Herkunft. Einige Unterschiede zu den o.e. stechen dennoch hervor. Bei diesen Schilden handelt es sich um Produkte, die in den Palastwerkstätten Istanbuls gefertigt wurden und einen osmanischen Stil widerspiegeln, der besonders im 16. Jh. zur Zeit Süleymans des Prächtigen reiche Ausschmückungen zur Schau stellte. Für diesen Schmuckstil benutzte, so einfache Teile und Gerätschaften wie Sattel, Zaumzeug, Schwert, Pfeil u.a. Waffen wurden unter Verwendung von Gold, Silber, Türkis und Jade selbst zu einem Edelstein. Es gibt nur wenige Sammlungen, deren Bestandteil edelsteingeschmückte Schilde darstellen. Zwei dieser Schilde, die mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Belagerung Wiens erbeutet wurden, befinden sich im Czartoryski-Museum in Krakau (Abb. 2), eins in Wawel, zwei im Kreml-Schloß in Moskau, eins im Budapester Ungarischen Nationalmuseum, und ein weiteres, von schwedischen Soldaten in Polen erbeutetes Stück, befindet sich immer noch im Schloß von General Wrangel in Skokloster in Schweden.

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